Systems Change
Systems Change ist ein Ansatz sozialer Veränderung mit systemischem Anspruch; er hat sich über das letzte Jahrzehnt breit etabliert. Gemeint ist die aktive, nicht vollständig planbare Veränderung eines Systems – mit Fokus auf Netzwerke und Machtverschiebung. Um Gesellschaft langfristig zu verändern, braucht es einen Wandel unserer gesellschaftlichen Paradigmen. Mit Methoden des Systems Change geht das – ebenso wie mit Methoden systemischer Beratung oder Kokreation.
Die Einordnung
Was Systems Change ist – und was wir damit wollen.
Systems Change ist die aktive, nicht vollständig planbare Veränderung eines Systems – mit Fokus auf Netzwerke und Machtverschiebung. Um Gesellschaft langfristig zu verändern, braucht es einen Wandel unserer gesellschaftlichen Paradigmen.
Impact Up nimmt jeden einzelnen Impact in kleinen Projekten ernst und wertschätzt ihn grundsätzlich, aber stellt eben gleich auch die Anschlussfrage: Wie greifen viele einzelne Impacts so ineinander, dass aus ihnen eine gemeinsame Wirkung in einem Feld wird – oder in der gesamten Gesellschaft? Wie werden sie komplementär, kohärent, anschlussfähig zueinander, statt unbeabsichtigt nebeneinander oder gegeneinander zu laufen? Systems Change geht anders an die Arbeit: über systemische Voraussetzungen, die jede:n in die Lage versetzen, die erwünschte Wirkung selbst zu erwirken. Beides ist wichtig und ergänzt sich: Fokus in der großen Richtung und Diversität in den individuellen Lösungen.
Systems Change arbeitet mit den Primary Actors, die ihr Feld bestens kennen – jede:r Einzelne entwickelt hier Lösungen, angepasst an das kontextspezifische Problem und die eigenen Ressourcen, denn hier kennt man sich am besten aus. Systems Change ist deshalb nicht planbar; möglich ist nur, Voraussetzungen zu schaffen, damit Systems Change wahrscheinlicher wird. Hier trifft sich unsere Idee von systemischer Haltung mit der Arbeit an Wirkung. Im Systems Change bildet man Netzwerke, und kollektive Identitäten schaffen Vertrauen unter den Primary Actors. So entsteht die Möglichkeit des Austauschs, um voneinander zu lernen – von vertrauten Menschen, ganz im Sinne des eigenen Projekts und der eigenen Probleme: durch Beobachtung, Zuhören, Erfahrung und viele Fragen.
Systems Change braucht dreierlei: Kontextwissen durch die Primary Actors, Verbindung durch Vertrauen und Netzwerke – und letztlich sind diese Netzwerke auch die Basis für das dritte Element, die Machtverschiebung. Sie bleibt die größte Herausforderung.
Definitionen von Systems Change
Ein Systems-Change-Ansatz ist einer, bei dem Verantwortliche das gesamte System in den Blick nehmen – einschließlich aller miteinander verbundenen Teile – und seine Auswirkungen auf Untätigkeit und Ungleichheiten.
Er beruht auf der Überzeugung, dass eine Veränderung in einem Teil des Systems (manchmal unvorhersehbar) beeinflussen kann, was anderswo geschieht.
Er plädiert dafür, die Komplexität der Bekämpfung von Ungleichheiten und Untätigkeit gemeinsam – als Gesamtsystem – anzugehen, statt dass einzelne Teile des Systems dies isoliert voneinander versuchen.
leadingthemovement.org (übersetzt)
Wir verstehen Systems Change als die Neukonfiguration eines Systems – einschließlich seiner Bestandteile und der Wechselwirkungen zwischen diesen Teilen – so, dass ein neues System entsteht, das sich qualitativ anders verhält.
systemschangelab.org (übersetzt)
Six Conditions of Systems Change (Sechs Bedingungen)
Wo Systems Change ansetzt.
Sechs Bedingungen auf drei Tiefen-Ebenen. Je tiefer, desto wirkungsvoller, desto unsichtbarer. (nach Kania, Kramer & Senge, The Water of Systems Change · FSG 2018)
Strukturell – das, was sichtbar wird, wenn man auf eine Organisation oder ein Feld schaut: welche Politik gilt, welche Praktiken sind etabliert, wohin fließen die Ressourcen. Hier wird in der Beratungsarbeit oft angesetzt – mit gemischten Ergebnissen, weil Veränderungen auf dieser Ebene reversibel bleiben, solange darunterliegende Schichten nicht mitziehen.
Relational – die halb sichtbare Tiefe: in welchen Beziehungen stehen die Akteur:innen, wer hat wo Macht, wessen Wirkung kann an wessen anschließen. Auf dieser mittleren Ebene – Beziehungen und Macht – starten wir. Hier entscheidet sich, ob strukturelle Veränderungen halten oder rückgängig gemacht werden. Hier können wir viel aus der Methodik des Peacebuilding einbringen, wo Beziehungen, Macht und Konfliktdynamiken die zentrale Arbeitsebene sind.
Transformativ – die unsichtbarste, langsamste Ebene: die mentalen Modelle, mit denen Akteur:innen die Wirklichkeit deuten. Sie verändern sich selten direkt. Sie verschieben sich, wenn Erfahrungen auf den oberen Ebenen sie infrage stellen. Wir richten unsere Arbeit so aus, dass sie für mentale Verschiebungen anschlussfähig wird – mit systemischen Methoden versuchen wir auch, Veränderung direkter zu initiieren.
In der Praxis
Wie das in unserer Arbeit aussieht.
Wir haben uns vier Perspektiven als Praxiszugänge gegeben – Resonanz, Struktur, Kohärenz und Kooperation. Die Begriffe sind zwar aus vielen Theorien entstanden, aber auch Systems Change hat eine Rolle gespielt. Wo wir genau in der Arbeit beginnen, legen wir gemeinsam fest.
Im Buch The Systems Work of Social Change bringen Rayner und Bonnici die relationale Zwischenebene auf drei Begriffe: Context, Connection, Power – über sie verändern sich die Muster eines Systems. Wer Systems Change ernst nimmt, arbeitet mit dem, was im jeweiligen Kontext wirklich passiert, verändert Beziehungen und verschiebt Macht. Kontextspezifisch und machtkritisch wollen wir immer sein und die Wirkung, den Sinn, den Purpose ins Zentrum stellen – mit einer Methodenvielfalt drumherum, mit der sich gemeinsam viel aus dem Potenzial machen lässt.
Eine solche Vielfalt bündelt etwa die School of System Change in Praktiken wie: Systeme sichtbar machen, auf mehreren Ebenen ansetzen, Verbindungen und Wechselwirkungen erkennen, diverse Perspektiven einbeziehen, mit aktivierenden und Widerstands-Kräften arbeiten, in Zeitskalen denken, Muster erkennen, Komplexität annehmen, Annahmen hinterfragen.
Unsere eigene Wirkung wollen wir auch so weiterentwickeln: gemeinsam mit anderen weiterdenken, ausprobieren, uns nach außen vernetzen – und dort moderieren, wo organisationale Akteur:innen bereit sind, sich auszutauschen, sich aufeinander abzustimmen und die Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Die Theorie liefert Ideen für Voraussetzungen, die wir schaffen wollen – die wichtigen Inhalte bleiben bei euch, sie kommen aus der Zusammenarbeit mit Menschen, die ihrem eigenen Anliegen am nächsten stehen.
Quellen
Worauf wir uns stützen.
- Kania, J., Kramer, M. & Senge, P.: The Water of Systems Change. FSG, 2018. fsg.org Ursprung der Six Conditions of Systems Change: sechs Bedingungen auf drei Ebenen – strukturell, relational, transformativ –, an denen Systemveränderung ansetzt.
- Rayner, C. & Bonnici, F.: The Systems Work of Social Change. Oxford University Press, 2021. global.oup.com Context, Connection, Power als relationale Arbeitsebene, auf der Systems Change praktisch wird.
- School of System Change: Basecamp. schoolofsystemchange.org Lern- und Methodenraum der Systems-Change-Praxis; prägt Feld und Community im englischsprachigen Raum.